Pixel Forrest
Pipilotti Rist im New Museum

Willkommen in der Komfortzone: In den Ausstellungen von Pipilotti Rist kann man auf Kissen ruhend in psychedelische Welten abtauchen oder durch einen farbig blinkenden Wald aus tausenden LEDs spazieren. 2008 realisierte die schweizerische Künstlerin, die auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist, im New Yorker MoMA die Rauminstallation Pour Your Body Out – ein Rausch aus Farben und Klängen, der die Besucher in euphorische Stimmung versetzte. Jetzt ist Pipilotti Rist nach New York zurück gekehrt – mit ihrer großartigen Retrospektive Pixel Forrest, die gleich drei Stockwerke des New Museums einnimmt.

Auch in der von Massimiliano Gioni kuratierten Schau kann man es sich bequem machen. Die Installation 4th Floor To Mildness, Rists jüngstes Werk, lädt die Besucher dazu ein, sich auf eines der gut ein Dutzend Betten zu legen. So können sie sich ganz entspannt in die Bilder versenken, die auf zwei amöbenartig geformten Leinwänden an der Decke zu sehen sind. Zu einem hypnotischen Soundtrack bewegt sich die Kamera zwischen Seerosen und Schwimmern durch das Wasser eines Flusses. Die Aufnahmen entstanden an einem Sommertag am Rhein, in der Nähe von Garbs, wo die Künstlerin aufwuchs. Sie versteht diese Arbeit als Einladung zum „gemeinschaftlichen Tagträumen“. Dass ihr einige Kritiker vorwerfen, Arbeiten wie diese seien eskapistisch, stört sie nicht. „Eskapismus ist eine Möglichkeit“, so Pipilotti Rist. „Die Möglichkeit, die Augen zu schließen und zu träumen, ist für mich gleich viel wert wie die Realität.“

Das New Museum zeigt auch frühe Arbeiten wie ihr erstes, 1986 entstandenes Video I’m Not the Girl Who Misses Much. Bereits hier experimentiert sie mit den für sie so typischen strahlend bunten Farben. Sie stehen im bewussten Gegensatz zur strengen Schwarz-Weiß-Ästhetik der damaligen Videokunst, die von Männern wie Vito Acconci oder Chris Burden geprägt wurde. Der internationale Durchbruch gelingt ihr 1992 mit einem Video, dessen Titel Pickelporno provokanter ist als sein Inhalt. Die Künstlerin zeigt hier ein Paar beim Liebesakt. Die Kamera kommt den beiden Darstellern oft so nah, dass sich ihre Körperdetails in fremdartige Strukturen verwandeln. Die grobkörnigen, leicht unscharfen Aufnahmen wirken nahezu taktil. Muscheln, Blumen oder Korallen dienen als erotische Metaphern, Gefühle drücken sich in bunten Farben aus. Rist beschrieb diese Arbeit als Versuch, eine weiblich geprägte Erotik ins Bild zu setzen.

Auch ein frühes Werk, das vor kurzem erst wieder für Diskussionen sorgte, steht auf dem Programm: Ever is Over All (1997) zeigt, wie eine junge Frau munter lächelnd die Scheiben geparkter Autos zertrümmert. Mit dieser Arbeit, die vom MoMa angekauft wurde, gewann Rist den Nachwuchspreis der Biennale von Venedig. Von diesem Video ließ sich jetzt Beyoncé inspirieren, die in dem Clip zu ihrem Song Hold Up einige Motive aus dem Video nachstellte. Hommage oder Diebstahl? Pipilotti Rist sieht Beyoncés Aneignung völlig gelassen, denn auch ihre Anfänge liegen in der Pop Kultur. Vor ihrer Karriere als Künstlerin gestaltete sie Diaprojektionen und Lightshows für Bands aus der schweizerischen Alternativszene.

Inzwischen realisiert Pipilotti Rist vor allem aufwendige Multi-Media-Installationen, die die Grenzen zwischen Wahrnehmung und Imagination auflösen. Ihre Arbeiten kreisen um das Verhältnis zwischen Mensch, Natur und Technik. Dabei erschafft sie visuelle Welten von einer großen Schönheit, die alles andere als kalt und perfekt, sondern sehr menschlich ist. Immer verströmen ihre Werke einen sanften Optimismus. „Ich bin völlig ok damit, ein Hippie zu sein“, erklärt sie im Interview mit Massimiliano Gioni. „Und ich habe keine Angst vor der Idee, dass Kunst heilen kann. Denn das erwarte ich von der Kunst – meiner eigenen und der von anderen Künstlern.“
A.D.

Pipilotti Rist: Pixel Forest
New Museum, New York
bis 15.01.17