Und dann überlasst mich den Mauerseglern
Kai Althoff übernimmt das MoMA

Das gab es wohl noch nie in einer MoMA-Retrospektive: Kinderbilder mit verschnörkelten Aufschriften wie Basar in der Montessori Schule am 8. Dezember 1974. Oder eine Buntstiftzeichnung einer Frau, die, wie es der Titel verrät, 1975 in Köln-Kalk gerade ihre erste Aubergine kauft. Doch Kai Althoff hat dieses Kunststück vollbracht – neben aktuellen Arbeiten hängen gleichberechtigt die Produktionen aus seinen Kinder- und Teenagertagen. Und das in den hehren Hallen eines Museums, das den Kanon der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts wie keine andere Institution geprägt hat. Kai Althoff, der auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist, hat schon immer gegen die Regeln verstoßen. Seine Installationen konnten aussehen wie Drogenhöllen, Jugendzimmer oder die Schaufenster einer Londoner Edelboutique aus den 1920er Jahren. Ganz egal ob er zeichnete, malte, performte, Mode entwarf oder mit seiner Band „Workshop“ Platten wie Fanal oder Ashley's aufnahm, immer löste Althoff die Grenzen auf – zwischen Biografie und Erfindung, Leben und Kunst. Sein künstlerischer Kosmos gilt seit Beginn seiner Laufbahn in den frühen 1990er Jahren als ausgesprochen deutsch – voll von Verweisen auf seine Heimatstadt Köln, auf die nationalsozialistische Vergangenheit, auf Krautrock und jugendliche Subkulturen der 1970er und 1980er Jahre. Zugleich hinterfragte Althoff immer wieder Geschlechterrollen, sexuelle Festlegungen, zeigte Freundschaft und Gemeinschaft, aber auch latente Gewalt. Immer wieder wurde ihm ein nostalgisches, exzentrisches Lebensgefühl attestiert.

Mit Kai Althoff: and then leave me to the common swifts (und dann überlasst mich den Mauerseglern) zeigt das MoMA, wie vielschichtig Althoffs Werk ist – thematisch und formal. Die Ausstellung hat dabei nichts mit einer klassischen, chronologisch geordneten Retrospektive zu tun. Althoff hat Werkgruppen, Gemäldeserien und Installationen aus drei Jahrzehnten dekonstruiert, neu miteinander kombiniert und mit gefundenen Objekten angereichert, die ihm wichtig sind – Keramiken, Stoffen, Federn, Schmuck. Manche seiner bekanntesten Gemälde lehnt er an die Wand, andere hat er noch nicht einmal ausgepackt. Häufig ist in diesem verschachtelten Arrangement kaum noch zu erkennen, was Fundstück und was künstlerische Arbeit ist.

Die Besucher bewegen sich durch einen choreografierten Parcours, der bei ihnen durch Farben, Formen und Faltenwürfe bestimmte Empfindungen hervorruft. Die Schau gleicht einer räumlichen Collage, die der Künstler selbst arrangiert hat. „Das MoMA gab mir alle Freiheiten, seine Räume und Ressourcen zu nutzen, um meine Arbeit auf eine Art und Weise zu präsentieren, wie ich es für ihre Existenz und für mein Leben zu dieser Zeit passend finde”, schreibt Althoff in der Presseerklärung zu seiner Retrospektive. Dabei sei sein Selbstvertrauen allerdings „furchterregend schwankend“, bemerkt er. „Es gibt wirklich keinen Grund, warum meine Sachen in einem Museum ausgestellt werden sollten und die von anderen Menschen nicht.” Folgerichtig hat er nicht nur in Kollaboration entstandene Werke, sondern auch die Arbeiten von Kunsthandwerkern einbezogen. Entstanden ist ein schier überbordendes Gesamtkunstwerk, das nicht nur Althoffs virtuosen Umgang mit Malerei und Zeichnung verdeutlicht, sondern auch das kritische Potential seines Werkes. Denn letztendlich stellt and then leave me to the common swifts (und dann überlasst mich den Mauerseglern) ganz unmissverständlich auch die Frage, ob der Kanon der Kunst so aussehen muss, wie er geschrieben wurde.

Kai Althoff
and then leave me to the common swifts
(und dann überlasst mich den Mauerseglern)

bis 22.01.2017
Museum of Modern Art