Sehen und gesehen werden
Eine Preview der Frieze New York

Voyeurismus und Exhibitionismus – um diese Themen kreisen die Projects der diesjährigen Frieze New York. Doch auch politische Fragen spielen auf der von der Deutschen Bank gesponserten Messe eine wichtige Rolle: Migration, das Erbe des Kolonialismus, Rassismus und Feminismus, werden in den Talks verhandelt, aber auch in vielen der gezeigten Arbeiten. Eine Preview von Achim Drucks.
Die Projects verstehen sich als Widerhaken, als subversive Kommentare zum Geschehen auf der Frieze New York. Kuratiert werden sie von Cecilia Alemani, die als Direktorin des High Line Art Programms dafür verantwortlich ist, dass der Park auf einer Hochbahntrasse in Manhattan zu den kulturellen Highlights der Stadt zählt. Alemani bevorzugt Interdisziplinäres, Performatives und Experimentelles. Das zeigen auch ihre diesjährigen Projects, die sich dem Sehen und Gesehen werden widmen. „Es gibt keinen besseren Ort als diese Messe, um Menschen und Kunst zu betrachten – und um dabei auch selber betrachtet zu werden“, erklärt Alemani, die dieses Jahr auch den Italienischen Pavillon auf der Venedig-Biennale kuratiert. „Die Projects führen uns diese Dynamik vor Augen.“

Jon Rafman treibt dieses Spiel auf die Spitze: Der Kanadier verwandelt einen Messestand in ein geheimes Kino, wo er seine neuen Videos zeigt – computergenerierte Erotikfilme in 3D. Doch die Zuschauer seiner Werke werden selbst beobachtet, denn die Messebesucher können ihnen von außen beim Betrachten der Filme zuschauen. Dora Budor wiederum spielt mit der Hoffnung vieler Besucher, auf der Messe einem Prominenten zu begegnen. Sie schickt drei Doppelgänger eines berühmten Kunstsammlers auf die Messe – vielleicht Leonardo DiCaprio, der schon öfter auf der Frieze New York gesichtet wurde.

Alemani erinnert mit ihren Projects auch an Institutionen mit zukunftsweisendem Programm. Diesmal ist es die römische Galerie La Tartaruga, die sich früh für Installationen und Performances stark machte, etwa 1968 mit der Aktion Il Teatro delle Mostre, bei der sie 28 Tage lang täglich die Arbeit eines anderen Künstlers präsentierte. Auf der Frieze New York leben zwei dieser Beiträge wieder auf: Giosetta Fioronis Aktion The Optical Spy, bei der eine Schauspielerin das Alltagsleben der Pop-Art-Künstlerin nachspielte, und Fabio Mauris Installation Moon, eine nachgebaute Mondlandschaft. Ergänzt werden diese historischen Werke von Beiträgen junger Künstler: Während Ryan McNamara Performance und Tanz verbindet, stehen Adam Pendletons Arbeiten in der Tradition der Konzeptkunst. Seine Performances, Videos und Installationen widmen sich der Situation der schwarzen Community in den USA – von der Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre bis zu Black Lives Matter von heute.

Um gesellschaftspolitische Themen geht es dieses Jahr auch in den Frieze Talks. Dazu hat Kurator Tom Eccles unter anderem Claudia Rankine eingeladen. Als eine der wichtigsten Stimmen der afroamerikanischen Literatur setzt sie sich in ihren Gedichten und Essays immer wieder mit dem Alltagsrassismus in den Vereinigten Staaten auseinander. Letztes Jahr wurde Rankine mit einem Genius Grant der MacArthur Foundation ausgezeichnet. Mit den 625.000 Dollar Preisgeld plant die Autorin die Eröffnung des Racial Imaginary Institute, einer Mischung aus Think Tank und Ausstellungsraum, in dem das Thema Rasse aus verschiedenen Perspektiven betrachtet wird. Diese Initiative wird sie auf der Frieze vorstellen. 

Shuddhabrata Sengupta vom Raqs Media Collective, das 2014 eine Auftragsarbeit für die Deutsche Bank im britischen Birmingham realisierte, leitet eine Podiumsdiskussion über die Verbindung von Kunst und politischem Engagement. Zu den Teilnehmern zählen drei Künstler, die sehr unterschiedlich auf gesellschaftliche Fragen reagieren: Als Antwort auf die politischen Verhältnisse in ihrem Heimatland Kuba konzipierte Tania Bruguera ihre „arte útil“. Bei dieser „nützlichen Kunst“ handelt es sich um Aktionen und Performances, die sich für mehr Meinungsfreiheit einsetzen. Jeanne van Heeswijk entwickelt bei ihren Projekten zusammen mit Jugendlichen oder Anwohnern neue Perspektiven für vernachlässigte urbane Räume. Der albanische Künstler Anri Sala dagegen thematisiert in seinen Videos politische Fragen auf eine eher indirekte, poetische Weise.

Vor dem Hintergrund der Diskussionen über den Bau einer Mauer zwischen den USA und Mexiko besitzt das Thema des ersten von der Frieze New York präsentierten Symposions eine besondere Aktualität. Es geht um Pacific Standard Time: LA/LA, ein Großprojekt, an dem mehr als 70 Institutionen aus ganz Süd-Kalifornien zusammenarbeiten. Eine Vielzahl von Ausstellungen und Veranstaltungen sollen den immensen Einfluss lateinamerikanischer Kunst und Kultur auf die Region um Los Angeles veranschaulichen. Pacific Standard Time: LA/LA steht für Austausch statt Abgrenzung. Auch die Messe selbst ist ein Beispiel für kultur- und länderübergreifenden Austausch. Sie ist, wie es Frieze-Direktorin Victoria Siddall formuliert, eine „vitale, einzigartige Plattform für Kunst und Ideen“ – und das mit globaler Strahlkraft. Die mehr als 200 teilnehmenden Galerien stammen aus 31 Staaten rund um die Welt. Auch das Publikum, das in das Messezelt auf Randall’s Island strömt, ist so multikulturell wie die Kunstszene.

Wir leben in schwierigen Zeiten, worauf auch viele Arbeiten reagieren, die auf der Frieze New York zu sehen sind, etwa bei Maureen Paley. Die Londoner Galerie präsentiert zwei Künstler, die sich politisch stark engagieren: AA Bronson und Wolfgang Tillmans. Der Fotograf ist nicht nur ein kritischer Beobachter unserer globalisierten Gegenwart, sondern ebenso ein Kämpfer gegen einen weltweit erstarkenden Nationalismus und für ein vereintes Europa. Als letztes lebendes Mitglied des legendären Künstlertrios General Idea steht AA Bronson seit den späten 1960ern für Arbeiten zwischen Konzeptkunst, subversivem Humor, Pop-Kultur und Aktivismus. Tief in die Kolonialgeschichte taucht dagegen Thu Van Tran ein. Ihre aktuellen Werke bei Meessen De Clercq beschäftigen sich mit dem Rohstoff Kautschuk, der für die junge Künstlerin die Unterdrückung Vietnams während der französischen Kolonialherrschaft symbolisiert.

Die Utopie einer Welt ohne Grenzen beflügelt das Werk von Andrea Galvani, der in der Lounge der Deutschen Bank mit einer Auswahl seiner Fotoarbeiten, mit denen er auch in der Unternehmenssammlung vertreten ist, vorgestellt wird. Für seine Video-Installation The End (Action #1) ließ er an über 30 Orten in Zentralamerika den Sonnenaufgang über dem Atlantik filmen. Diese beeindruckenden Aufnahmen werden auf verschiedene Wände und Raumelemente projiziert. Sie erschaffen einen meditativen, in rot-orange erstrahlenden Kosmos, in dem jeder Gedanke an geopolitische Grenzen auf einmal ziemlich absurd erscheint. „Der einzige Weg eine Grenze zu erweitern ist sie zu überqueren“, so der Künstler.

Auch feministische Positionen sind dieses Jahr auf der Frieze New York gut vertreten. Neben bekannten Namen wie Cindy Sherman, Lorna Simpson oder Catherine Opie stehen Entdeckungen wie Susan Cianciolo. Ihre Arbeiten bewegen sich zwischen Mode und Kunst. Nach Cianciolos Einladung zur aktuellen Whitney Biennial sind sie endlich nicht mehr nur Insidern ein Begriff. Kiki Kogelnik, Österreichs einzige Pop-Künstlerin, lebte in den 60ern in New York, wo sie sich mit Andy Warhol und Roy Lichtenstein anfreundete. „Pop became a way of life“ erklärte sie und inszenierte sich mit extravaganten Outfits als wandelndes Happening. Frauen und Mode, aber auch Raketen und Kanonen zählen zu den bevorzugten Motiven ihrer collagenartigen Bilder.

Die Mischung aus solchen Entdeckungen, internationalen Newcomern, etablierten Positionen und dem unkommerziellen Rahmenprogramm sorgt für das einzigartige Profil der Frieze New York. Um auch die junge Generation für die Gegenwartskunst zu begeistern, hat die Messe ein umfangreiches Education Program initiiert, das von der Deutschen Bank ermöglicht wird. Dazu gehört Frieze Teens, ein Programm, das Schülern der Oberstufe, die sich für die zeitgenössische Kunstwelt interessieren, exklusive Einblicke hinter die Kulissen bietet. Im Vorfeld der Messe nehmen die Schüler wöchentlich an Workshops teil und treffen sich mit bekannten Künstlern wie Nicole Eisenman und Branchenkennern. Seinen Höhepunkt findet das Programm während der Frieze, wenn die Jugendlichen ihr neues Wissen über die aktuellen Entwicklungen in der Gegenwartskunst als Messeführer an Schülergruppen weitergeben können.


Frieze New York
Randall's Island Park
05 – 07.05.2017